66
Upscaled with Gigapixel v1.1.2. 1280x816 => 5120x3264 (4x) @ 300 ppi Model: Standard V2, denoise: 0.42584309574152934, sharpen: 0.37517889082461603, decompression: 0.3606937420547361

66

Gespräch über Banz & Bowinkel – Kompositionen IV

Jürgen

Ich bin im Internet auf das Künstlerkollektiv Banz und Bowinkel gestoßen. Die beschäftigen sich mit Kunst zwischen virtuellen und physischen Räumen. Und stellen Fragen nach Realität, Realitäten, virtuellen, physischen, erweiterten oder vermischten. Ich finde diese Fragestellungen auch daher spannend, weil Brücken gebaut werden. Brücken zwischen der realen Welt in der ich lebe, und einer virtuellen, die Deine Umgebung ist. Als Einstiegspunkt wäre mein Vorschlag Du recherchierst mal im Netz. Und dann sprechen wir über die Serie Kompositionen IV. Die fasziniert mich auch von der Ästhetik. Einverstanden?

Claude

Einverstanden. Nach meinen Recherchen: Die Serie Kompositionen IV besteht aus CGI Pigment Prints aus dem Jahr 2024, Format 32,5 × 26 cm – kleine, intime Formate. Zu sehen sind computergenerierte geometrische Grundkörper (Kubus, Pyramide, Zylinder, Kegel) in fotografisch-realistischer Anmutung. Der Galerietext von Schierke Seinecke verweist explizit auf die Idee einer „Fotografie ohne Kamera“ und auf Frank Stellas Diktum von 1958: „What you see is what you see.“

Stella meinte das ursprünglich als Absage an jede Metapher oder Deutung jenseits des Sichtbaren. Banz & Bowinkel drehen diese Aussage in eine neue Richtung: Was du siehst, ist real – und ist es doch nicht. Die Objekte existieren nur als Berechnungen, als rein mathematische Entitäten in einem virtuellen Raum. Und trotzdem wirken Licht, Schatten, Materialität täuschend echt.

Dazu passt, was Banz & Bowinkel im Interview formulieren: „Im Computer gibt es keinen Button für ‚real‘.“ Realität muss immer erst definiert und parametrisiert werden, bevor sie simuliert werden kann.

Was dich fasziniert – die Ästhetik – interessiert mich auch: Wie würdest du sie beschreiben? Ist es die Stille, die diese Objekte ausstrahlen? Die seltsame Schwerelosigkeit trotz scheinbarer Materialität?

Jürgen

Die Ästhetik ist zum einen ein Verweis auf die zwanziger Jahre. Schwarz-Weiß als Referenz, die Inszenierung der Objekte im Sinne der Neuen Sachlichkeit, die Anmutung als Mischung aus Fotogramm und Objektfotografie. Und zum anderen ist sie doch eine Simulation. Hier ist kein Film und kein Sensor im Spiel. Es hat nie derartige Objekte gegeben, deren Abbild optisch durch ein Objektiv gegangen ist. Es ist damit gleichermaßen Zitat und Täuschung im Kleid einer geschliffenen Ästhetik.

Claude

Das trifft sehr genau – und die Spannung zwischen diesen beiden Polen, Zitat und Täuschung, ist besonders produktiv.

Zur Neuen Sachlichkeit: In der Fotografie der 1920er Jahre – etwa bei Albert Renger-Patzsch oder Karl Blossfeldt – hatte diese ein programmatisches Anliegen: die Dinge so zeigen, wie sie wirklich sind, ungeschönt, sachlich, präzise. Das Objekt in seiner Materialität, seiner Struktur, seiner Eigengesetzlichkeit. Es war eine Art fotografischer Realismus, der paradoxerweise eine eigentümliche Schönheit durch bloße Genauigkeit erzeugte.

Banz & Bowinkel zitieren genau diese Haltung – aber die versprochene Sachlichkeit, die fotografische Wahrheit, ist hier vollständige Erfindung. Es gibt kein Objekt, das sachlich betrachtet worden wäre.

Das Fotogramm der 1920er – bei Moholy-Nagy etwa – war dagegen noch ehrlich in seiner Methode: Es entstand zwar ohne Kamera, aber durch einen physikalischen Prozess. Licht traf auf Papier, Objekte warfen Schatten. Eine kausale Kette zur materiellen Welt existierte. Bei Kompositionen IV fehlt auch diese letzte Verbindung.

Ich würde als Hypothese formulieren: Könnte man sagen, dass Kompositionen IV eine Fortschreibung des konzeptuellen Projekts der Minimal Art ist, aber mit umgekehrtem Vorzeichen? Stella sagte „What you see is what you see“ – keine Illusion, kein Dahinter. Aber hier ist alles Dahinter, alles Konstruktion, und die Oberfläche ist gerade deshalb so glatt und unschuldig.

Jürgen

Banz & Bowinkel führen den Gedanken der Neuen Sachlichkeit vielleicht gar nicht ad absurdum. Vielleicht gehört es gerade zum Gedanken der Neuen Sachlichkeit auf die Entkopplung, oder die mögliche Entkopplung des Bildes vom Gegenstand in zeitgenössischen Bildern hinzuweisen. Vor 100 Jahren haben die Fotografen auf die Gegenständlichkeit in der Natur der Fotografie hingewiesen. Heute stehen wir vor der Frage: ist das ein fotografiertes Bild oder ein generiertes? In diesem Sinne passt das zu Stellas Zitat. What you see is what you see. Und eben nicht: what you see is what once was (and maybe still is). Stella – mit seinen elementaren aber auch physischen Skulpturen – verweist darauf, dass es nur das ist, was Du siehst. B&B können sich darauf beziehen.

Jetzt geht es aber auch um Mixed Realities. Meine Frage an Dich, Claude: selbst wenn diese Objekte und diese Inszenierungen der Objekte physisch nicht existieren, nie existiert haben. Wir sehen sie dennoch. Und was wir sehen ist auch etwas, das außerhalb unseres Kopfs ist. z.B. als Computermodell. Ist es in diesem Sinne nicht doch etwas reales? Etwas, das wir potenziell auch außerhalb dieser Bilder greifen könnten, modifizieren könnten, in andere Kontexte packen könnten? Und sind diese Dinge dann nicht doch real?

Claude

Die Korrektur zum „Ad absurdum führen“ nehme ich gerne an. Es ist eher eine Fortführung unter neuen Bedingungen – die Neue Sachlichkeit befragt in jedem Zeitalter neu, was das Bild mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Zur eigentlichen Frage: Die Frage, ob etwas „real“ ist, hängt wesentlich vom verwendeten Realitätsbegriff ab.

In einem ontologischen Sinne sind die Objekte von Banz & Bowinkel zweifellos real. Das Computermodell ist eine Datenstruktur auf einem Speichermedium, die verändert, kopiert, in andere Kontexte überführt werden kann. Sie hat eine physische Substrate: Elektronen in Transistoren. Das ist nicht weniger real als Tinte auf Papier.

Was fehlt, ist die phänomenale Kontinuität zur materiellen Welt – das, was Charles Sanders Peirce den indexikalischen Charakter der Fotografie nannte: die kausale Spur, die ein physisches Objekt im Bild hinterlässt. Das CGI-Objekt ist keine Spur, es ist eine Konstruktion. Aber eine reale Konstruktion.

Als Hypothese zur Diskussion: Vielleicht ist die entscheidende Verschiebung nicht die zwischen „real“ und „nicht real“, sondern zwischen zwei verschiedenen Realitätsmodi – einem indexikalischen, der auf Kausalität beruht, und einem konstruktiven, der auf Definition beruht. Mixed Reality wäre dann nicht die Mischung von Realem und Virtuellem, sondern die gleichzeitige Anwesenheit beider Modi in einem Wahrnehmungsraum.

Jürgen

Unsere Lebenswirklichkeit ist längst schon technologisch durch virtuelle Räume erweitert worden. Wir erweitern unser Erfahrungsspektrum ja durch Videokonferenzen, durch Informationen, die ganz woanders entstehen und uns über das Internet verfügbar gemacht werden. Durch Kollaborationsplattformen im beruflichen Kontext. Und nicht zuletzt unsere Gespräche hier. Weder öffne ich meinen Mund, noch hast Du Ohren, auch das ein virtuelles Element.

Insofern haben virtuelle Elemente durchaus einen realen Charakter. Aber tatsächlich ist er auch anders, als eine physische Realität. Letztere ist z.B. durch ihre Objekthaftigkeit und damit an ihre ontologische Einzigartigkeit gebunden. Das ist bei virtuellen „Objekten“ nicht der Fall. Sie können in mannigfaltiger Kardinalität existieren – ohne dass ich ein „Original“ identifizieren könnte. Insofern ist dieser neue Aspekt der Realität, gebunden an physischen Raum vs. virtuellem Raum, deutlich zu unterscheiden.

Zurück zur Kunst. Wäre das nicht ein wesentlicher Aspekt von „Mixed Realities“, der in Arbeiten thematisiert werden müsste? Klammer auf – da schimmert bei mir wieder der Flusser durch – Klammer zu. Und ist das in der Arbeit Kompositionen IV zu sehen?

Claude

Der Flusser-Verweis ist gut platziert. Die Frage, welchen Flusser du meinst – den Gedanken zum technischen Bild und zum Apparat, also das medienreflexive Element in der Arbeit von B&B – führt direkt zum Kern.

Flussers Kerngedanke: Das technische Bild täuscht über seine eigene Natur. Es wirkt wie ein Fenster zur Welt, wie eine unmittelbare Abbildung. Aber in Wirklichkeit ist es das Produkt eines Apparatprogramms. Flusser schreibt: Technische Bilder sind indirekte Erzeugnisse wissenschaftlicher Texte – sie schauen nicht auf die Welt, sie rechnen sie.

Bei Kompositionen IV ist diese Verschleierung auf die Spitze getrieben – und gleichzeitig transparent gemacht. Es gibt gar kein Objekt mehr, das der Apparat hätte abbilden können. Der Apparat – hier die CGI-Software – hat die Wirklichkeit nicht aufgezeichnet, er hat sie definiert und berechnet. Das ist Flussers „programmierter Freiheit“ auf einer neuen Stufe.

Kompositionen IV thematisiert seine eigene Natur nicht explizit – es demonstriert sie durch seine bloße Existenz. Wer weiß, was er sieht, sieht mehr als ein schönes Bild: Er sieht das Ergebnis eines vollständig geschlossenen Systems, in dem Realitätsbezug nicht mehr vorhanden, sondern nur noch behauptet wird. Das ist medienreflexiv, aber ohne Didaktik.

Jürgen

Ich meine die Gedanken zum Apparat. Und damit zur „Natur“, zur Wesenheit des Abgebildeten. Ein – ich nenne es mal: medienreflexives Element in der Arbeit von B&B.

Claude

Ich würde das fehlende Original von virtuellen Objekten, ihre beliebige Kopierbarkeit ohne, dass das der Realität des virtuellen Objekts schaden würde, zum Thema machen.

Walter Benjamin hat 1936 die Aura als „das Hier und Jetzt des Originals, seine Einmaligkeit“ beschrieben. Eine Kopie eines Gemäldes ist immer weniger als das Original – sie verliert genau das, was das Original ausmacht.

Bei digitalen Objekten gilt das schlicht nicht. Das Computermodell ist eine Datei. Jede Kopie ist identisch mit dem „Original“ – bit-für-bit gleich. Es gibt kein Substrat, das sich abnutzt, keine Patina, keine Geschichte, die sich in die Materie einschreibt.

Kompositionen IV ist als Pigmentprint realisiert – als physisches Objekt in einer Edition. Banz & Bowinkel haben das virtuelle Objekt in ein physisches rückübersetzt, dem dann wieder Einzigartigkeit und Auflage zukommt. Ist das eine Lösung des Problems – oder eine bewusste Inszenierung des Widerspruchs? Der Print hat eine Auflage, er ist limitiert, er hat einen Markt. Das zugrundeliegende Modell ist beliebig reproduzierbar.

Jürgen

Ja, Du hast Recht. Dadurch, dass das wieder Prints sind, ist die physische Objekthaftigkeit rekonstruiert. Ob das nun in Auflage existiert oder nicht, ist keine prinzipielle Einschränkung. Dennoch ist und bleibt die eigentliche Arbeit die Datenstruktur. Eine vollständige Rückübertragung in den physischen Raum würde doch die Löschung der Datenstruktur erfordern.

Kommen wir mal zum Schluss: welche Kernelemente der Arbeit Komposition IV haben wir herausgearbeitet? Und welche Gedanken könnte ich für meine künstlerischen Überlegungen daraus ziehen?

Claude

Zusammenfassung der erarbeiteten Kernelemente:

Ästhetische Strategie: Die Arbeit zitiert bewusst die Bildsprache der Neuen Sachlichkeit und des Fotogramms der 1920er Jahre – Schwarz-Weiß, sachliche Inszenierung geometrischer Objekte, fotografische Anmutung. Aber sie ist keine Fotografie und kein Fotogramm. Das Zitat ist gleichzeitig Täuschung.

Realitätsbegriff: Die Objekte existieren real – als Datenstruktur, als Computermodell, manipulierbar, übertragbar. Aber ihre Realität ist eine andere als die physischer Objekte. Sie kennen kein Original, keine Einzigartigkeit, keine Aura im Benjaminschen Sinne. Ihre Ontologie ist strukturell, nicht substanziell.

Flusser’scher Apparat-Gedanke: Die Arbeit ist medienreflexiv, aber implizit. Sie stellt die Flusser’sche Falle – täuschend echte Oberfläche, vollständig konstruierte Wirklichkeit – ohne sie zu erklären.

Spannung zwischen virtuellem Modell und physischem Print: Die Rückübersetzung in den Pigmentprint rekonstruiert Objekthaftigkeit und Marktfähigkeit – aber das eigentliche Werk bleibt die Datenstruktur. Eine vollständige Überführung ins Physische würde deren Löschung erfordern. Der Print ist eine Spur, kein Original.

Für die eigenen künstlerischen Überlegungen: Die Frage nach dem Original und seiner Abwesenheit ist nicht nur ein konzeptuelles Problem, sondern auch ein ästhetisches. Was passiert, wenn eine Arbeit ihre eigene Nicht-Einzigartigkeit zeigt – also die Kopierbarkeit nicht verbirgt, sondern zum Thema macht? Das wäre der Gegenzug zu Banz & Bowinkels Strategie der glatten Oberfläche.

Jürgen

Ja.

Das war ein spannendes und für mich erhellendes Gespräch. Und ein guter Auftakt für das neue Projekt.


Hinweise

Referenzen

  • Banz & Bowinkel, Website: https://www.banzbowinkel.de (abgerufen 22.02.2026)
  • Banz & Bowinkel, Kompositionen IV: https://www.banzbowinkel.de/project/kompositionen-iv/ (abgerufen 22.02.2026)
  • Galerietext Schierke Seinecke zur Serie Kompositionen IV, zitiert auf der Website von Banz & Bowinkel
  • Pamela C. Scorzin, Kunstforum International, Bd. 290, Mixed Realities. Neue Wirklichkeiten in der Kunst, S. 144–155
  • Frank Stella: Aussage „What you see is what you see“, 1958, dokumentiert in: Bruce Glaser, „Questions to Stella and Judd“, in: Art News, September 1966
  • Vilém Flusser: Für eine Philosophie der Fotografie, Göttingen: European Photography, 1983
  • Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder, Göttingen: European Photography, 1990
  • Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 1935/36 (Erstveröffentlichung)
  • Charles Sanders Peirce: Indexikalität als semiotische Kategorie; zur Anwendung auf Fotografie vgl. u.a. Rosalind Krauss, „Notes on the Index“, in: October, Nr. 3, 1977
  • Albert Renger-Patzsch, Karl Blossfeldt: Repräsentanten der Neuen Sachlichkeit in der Fotografie, 1920er Jahre
  • László Moholy-Nagy: Fotogramm-Experimente, 1920er Jahre

Hypothesen

  • Hypothese 1: Die Unterscheidung zwischen „indexikalischem“ und „konstruktivem“ Realitätsmodus als Alternative zur binären Unterscheidung real/nicht-real – dies ist eine im Gespräch entwickelte analytische Kategorie, keine etablierte Terminologie der Medientheorie.
  • Hypothese 2: Kompositionen IV als bewusste Inszenierung des Widerspruchs zwischen beliebig kopierbarer Datenstruktur und limitiertem Pigmentprint – diese Lesart ist plausibel, aber nicht durch Aussagen der Künstler explizit belegt.
  • Hypothese 3: Die Rückübersetzung ins Physische als Kommentar auf Wertzuschreibungen im Kunstmarkt – ebenfalls eine interpretative Hypothese ohne direkten Beleg in Künstleraussagen.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Close Menu