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Die politische Prägung unserer Eltern und Großeltern fand sicherlich zu großen Teilen im Dritten Reich statt. Bei Teilen unangenehm zustimmend, bei einem anderen als abschreckende Lehre. Was hat denn uns (60-jährige) geprägt? Und was wird unsere Kinder prägen?

Neulich, im Italienischkurs bei einer Diskussion über Wurzeln und Werte, wurde mir klar, dass mich der Wegfall von Grenzen in Europa inklusive des Eisernen Zauns nach Osteuropa, doch am stärksten geprägt hat. Etwas wurde möglich, was – nach einem Blick in die Geschichte der vergangenen 150 – 200 Jahre – doch eher unwahrscheinlich anmutete: der Begriff der Nation bekommt ein Gegengewicht oder einen Partner: eine europäische Identität. Eine nationale Identität, die MAGA mit aller Macht und Gewalt voranstellt, eine AfD, die offen über Deportation aller, nicht der eigenen Idee von nationaler Identität entsprechen, fabuliert, ein Russland, immer noch das größte Land dieser Erde, das seine Grenzen mit blutiger Gewalt an Zivilisten verschieben will, und nicht zuletzt ein europäisches Konstrukt, das an vielen Stellen durch nationale Partikularinteressen immer wieder blockiert wird, schafft einen politischen Kontext, in dem ich mir immer mehr als Fremdkörper vorkomme. Vielleicht haben sich unsere Eltern und Großeltern auch zunehmend als Fremdkörper gefühlt, als das persönliche Erleben des Dritten Reiches langsam weniger wurde. Vielleicht ist das ja normal.

Und doch: der Wegfall der Schlagbäume und der Mauern ist das perfekte Sinnbild meines Denkens, Fühlens und auch meines Handelns, meiner politischen Prägung. Und das ist auch gut so.

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