VON WALTRAUD SCHWAB (TEXT) UND JÜRGEN HURST (FOTOS)

Unberührte Natur? Wer in Deutschland danach sucht, der sucht vergebens. Die Spuren der Menschen sind in die Erde eingebrannt. Jürgen Hurst spürt in seinen subtilen Fotos die Brandzeichen der Zivilisation auf.

Kein Berg. Oder doch?

Am Ende, ganz am Ende, wird die Natur stärker sein. Unklar noch: Welche Natur? Unklar auch, wann es „das Ende“ ist. Solche Fragen beschleicht einen, wer die Fotos von Jürgen Hurst betrachtet, die auf unaufgeregte Weise eine Denkspur legen, die über die Landschaften, die auf den Fotos zu sehen sind, hinausweist.

Die Landschaften sind so umfassend unspektakulär, dass dieses Beiläufige, das da abgebildet wird, auf die zurückfällt, die die Fotos betrachten; sind sie doch mit ihrer Lust nach dem Außergewöhnlichen konfrontiert. Ein Foto soll einen Mehrwert haben, sei es Schönheit, Spektakel, Sensation, Erkenntnis, innere Erregung, Skandal.

Kein Gürteltier. Oder doch?

Hursts großformatige Fotos jedoch zeigen Landschaften, die von all dem nichts haben: Da sind von schweren Fahrzeugen zermatschte Waldwege; Zäune zwischen wildem Grün; Sandhaufen vor Bäumen, die wie Dünen aussehen; ein Tümpel, in dem sich halb abgestorbene Sträucher spiegeln und dazwischen, überwuchert, auch ein verrosteter Metallstab. Rohre liegen übereinander geschichtet und der Schatten der lichtdurchfluteten Birken lässt sie wie Baumstämme wirken.

Nichts. Täuschung. Suchbilder.

„Terrain vague“ nennt Hurst, der an der französischen Grenze aufgewachsen ist, diese Serie. Das erklärt vielleicht, warum er den Titel so wählte. Die Sprache hat – im Gegensatz zur deutschen Übersetzung, die „leeres Grundstück“ oder „ungenutztes Gelände“ lautet – einen weichen Sound. Auch der Klang der Worte allein, terrain – Boden, vague – Welle hüllt ein wie Musik.

Ihm, sagt Hurst, gehe es um Strukturen. Darum, wie die Spuren, die die Menschen in der Natur hinterlassen haben, die Strukturlosigkeit der Natur spiegeln, und wie sie in den Spiegelungen aufgelöst werden. Hurst hat Mathematik und Physik studiert. In seinen Fotos bildet er aber das ab, worauf die Naturwissenschaft keinen Zugriff mehr hat.

Für die, die nicht in Strukturen denken, sich aber auf diese unspektakulären Landschaftsaufnahmen einlassen, die doch zeigen, was dann Wirklichkeit wird, wenn die Zivilisation nicht mehr ist, entwickeln die Fotos einen Sog. Sie werden zu Suchbildern, in denen das Tun der Menschen, deren einstiger Eingriff in die Natur, aufgespürt werden will – es ist so, wie Kinder es tun, wenn sie zwischen zwei vermeintlich gleichen Bildern Unterschiede erkennen sollen. Hier jedoch ist das zweite Bild, mit dem das erste verglichen wird, nur im Kopf.

Auf dem imaginierten Bild, mit dem das, was auf den Fotos zu sehen ist, verglichen wird, ist die Sehnsucht nach Vollkommenheit, nach Harmonie in der Natur groß. Hursts Fotos zeigen, dass es diese nicht gibt, dass das Unvollkommene indes ebenso harmonisch ist, wenn auch in Moll.

Dieser Beitrag erschien am 31.08.2019 als ganzseitige Bildwelt in der taz. Die Veröffentlichung hier erfolgt mit der freundlichen Zustimmung der Autorin. Mehr Informationen von und über Waltraud Schwab sind über ihre Website zu finden.

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