Kontingenz

Kontingenz

 

bedeutet soviel wie Möglichkeit, Zufälligkeit, Eventualität. Ein Begriff, der sich seit einiger Zeit in die erste Reihe meiner Themen geschlichen hat. Und den ich gerne dieses Jahr mehr in den Fokus nehmen möchte.

 

Kontingenz

 

Wikipedia listet folgendes auf:

Kontingenz steht für:

 

Neben den isolierten, den kontextfreien Bedeutungsvarianten, scheint mir eine Definition sehr geeignet zu sein, die den jeweiligen Zusammenhang berücksichtigt. Will sagen: der Charakter eines Umstands ist nicht deshalb kontingent (möglich aber nicht notwendig), weil der Umstand so ist, wie er vermeintlich ist, sondern, weil der Umstand in ganz verschiedenen Zusammenhängen je unterschiedliche Bedeutungen erhält.

 

In der obigen Fotografie ist eine Strumpfhose abgebildet, die an einem Strauch hängt.  Dieses Bild kann je nach persönlichem oder kulturellem Zusammenhang ganz unterschiedliche Bedeutungen annehmen. Es kann als Spur eines Verbrechen wahrgenommen werden, ebenso wie als Hinweis auf ein Liebesabenteuer. Es kann Erinnerungen auslösen oder auch Ängste. Es kann von Männern anders gesehen werden als von Frauen. usw.

Kontingenz bedeutet hier, dass je nach Zusammenhang ein anderer Aspekt, eine andere Sichtweise wirksam – auch eine andere Geschichte erzählt wird.

 

Fotografie ist eine spezifische Sonde für Kontingenz. Sie entfaltet für jeden aufmerksamen Betrachter eine je andere Wirkung. Erhält im Wahrnehmungsraum bezogen auf die Erfahrungen und Erwartungen der betrachter eine individuelle Bedeutung. Dieser Umstand wird von Barthes in der Hellen Kammer (vor Einführung der studium/punctum Begrifflichkeit) als wesensbestimmend herausgestellt. Die „PHOTOGRAPHIE“ sei „reine Kontingenz“ (Die Helle Kammer, Kap. 12). Natürlich steht die Bedeutung einer Fotografie auch unter dem Einfluss des Fotografen; auch unter der des Fotografierten. Den Standpunkt des Fotografen (oder Fotografierten) aber zur Bedeutungshoheit zu erheben hieße auch, die Vielfalt der Bedeutungen bei den Betrachtern auszuschließen. Heißt das aber, dass ein Bild, eine Bilderserie der Beliebigkeit der Bedeutungen unterliegt?

 

In meinen Augen ergibt sich hier keine Beliebigkeit, sondern ein pluralistisches Moment. Ein Moment der Vielfalt. Eine Bilderserie kann bei einem Betrachter Unruhe auslösen, beim nächsten Trauer, und der Fotograf selbst verbindet ein tiefes Moment der Ruhe und Ausgeglichenheit mit den Bildern. Ist es deshalb notwendigerweise ein Ausdruck von Ruhe und Ausgeglichenheit? Ist die Serie gar unentschieden, weil die Betrachter ganz unterschiedlich darauf reagieren?

Ich denke nicht. Ich denke, es ist ein spezifisches Wesensmerkmal der Fotografie, genau diese Vielfalt an Bedeutungen in sich zu tragen. Und unterschiedliche Gefühle, Gedanken oder Erinnerungen hervorzurufen.

 

Das verbinde ich mit Kontingenz: nicht der reine Zufall, nicht die Beliebigkeit, sondern die Vielfalt. Eine Vielfalt an Bedeutungen, die vom Kontext abhängig sind.

Das Ziel für dieses Jahr ist, dieses Thema auszuloten. Meine Ideen dazu: nochmals mir Barthes vornehmen, mich aber auch an Luhmann heranzutasten. Den Egotunnel von Metzinger erneut hervorholen, und auch einen Blick auf den radikalen Konstruktivismus werfen.

 

Jürgen

Ich bin gelernter Physiker und arbeite als Projektmanager und Berater. Mit meiner Familie lebe ich in Berlin und genieße dort die lebendige Atmosphäre. Die Kamera ist mein Mittel um Ausdruck zu suchen und Balance zu finden.

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