Arcadia – oder doch nicht?

Arcadia – oder doch nicht?

Am Anfang war die Faszination am Thema. Dann kam das Unbehagen.

 

In den Beiträgen der letzten Wochen habe ich immer wieder auf ein sich veränderndes Bild von Landschaft Bezug genommen. Versucht über das, was wir alle als Landschaft verstehen, mal hinauszudenken. Der Grund dafür liegt in einem Unbehagen. Einem Unbehagen über dem, was eine „Ideallandschaft“ ausmacht, und was mit ihr ideengeschichtlich verbunden ist.

 

 

Alltagsweltlicher Landschaftsbegriff

Das Unbehagen war anfangs ein diffuses. Zwar sind Landschaftsdarstellungen, wie diese hier, etwas, das wir als schön bezeichnen. Auch ich. Aber sie sind ein „Anderes“. Etwas, das mit unserem, wenigstens mit meinem Leben nicht viel zu tun hat. Ich arbeite da nicht, ich kaufe da nicht ein, ich treffe da keine Menschen, ich gehe da keinen Interessen nach. Jedenfalls nicht regelmäßig. Es ist für mich kein Lebens- und kein Handlungsraum.

Aber, es ist etwas, das die meisten mit einer schönen und guten Landschaft in Verbindung bringen. Diese Diskrepanz macht nachdenklich.

 

Schaut man sich Untersuchungen zum alltagsweltlichen Landschaftsbegriff an (D. Hokema, 2012), dann ergibt sich folgendes Bild:

 

  • Landschaft ist natürlich
  • Landschaft ist ländlich; Industrie, Technik und Großstadt stören und zerstören Landschaft
  • Landschaft ist schön und gut [im Sinne eines Werturteils]
  • Landschaft ist ein Bild
  • Landschaft ist eine stereotype Ansammlung von Elementen [Wiesen, Bäume, Berge, etc…]

 

Diese Einschätzung was eine Landschaft ist, wurzelt im Landschaftsbegriff der Romantik. Jener ist positiv und vor allem normativ besetzt. Er steht für Ganzheitlichkeit, Harmonie und Ausgewogenheit. Er ersetzt auch Religion und Kirche und projiziert deren Heilsversprechen, Schöpfung und Erlösung auf Landschaft. Er wurde nicht nur bei Caspar David Friedrich ausformuliert, sondern praktisch ohne Veränderung in die Landschaftsfotografie übertragen. Bekanntester Vertreter ist Ansel Adams, wird aber auch heute aktiv gelebt (Bruce Barnbaum und viele mehr). Die Breitenwirkung ist beträchtlich: betrachtet man Bilder in den großen sozialen Netzwerken, stellt man zum Thema Landschaftsfotografie fest, dass ein ganz überwiegender Anteil von Bildern genau dieses Landschaftsverständnis in mehr oder minder unreflektierter Art und Weise perpetuiert.

 

 

Landschaft und Ideologie

Es ist aber auch ein Landschaftsbild, das ideologisch mindestens konservativ konotiert ist. Wo „Land und Leute“ angesprochen werden, wo Zugehörigkeit, Identität, wo Abgrenzung von Fremdem, gar eine Blut-und-Boden Ideologie verbunden ist, da fühle ich mich wenigstens ausgegrenzt. Vielfalt, Unterschiedlichkeit, auch und vor Allem in kulturellen Aspekten; Dynamik und Fähigkeit zur Veränderung,  Offenheit und Neugier, das sind Werte, die mir wichtig sind. Und die ich in Darstellungen von Yosemite, Island, Alpen, usf. nur selten wiedererkennen kann. Arkadien ist statisch und es ist begrenzt. Durch und durch.

 

Und dennoch kann auch ich mich nicht ganz von der obigen Liste frei machen. Landschaft verbinde auch ich im ersten Gedankengang mit Natur. Was also ist Landschaft für mich? Der enge Landschaftsbegriff? Oder der „erweiterte“? Oder was soll es sein?

Und wenn denn ein erweiterter Landschaftsbegriff greifen sollte, besteht er nur darin, das Spektrum der Elemente, die zu Landschaft gehören, zu auszuweiten? Oder ist tatsächlich auch ein ontologischer Sichtwechsel damit verbunden?

 

©NASA  

 

 

Der erweiterte Landschaftsbegriff

Zunächst mal die Erweiterung des Spektrums an landschaftlichen Elementen oder Eigenschaften. Da zählt sicher die städtische Umgebung dazu. Es ist eine lebensweltliche, eine alltägliche Umgebung, in der wir handeln, empfangen, geben, uns bewegen, sie mitgestalten. Landschaft ist auf jeden Fall auch urban.

Ebenso zählen wohl Autobahnen, Stromleitungen und Windparks dazu. Und unabhängig davon, ob ich das schön finde, oder nicht, es ist ein Element unserer Umgebung. Es ist da. Es hat eine Funktion. Eine Wirkung. Genauso, wie Industrie, Geschichte aber auch Elemente einer Freizeitgesellschaft (ja, auch das Dixie-Klo gehört in diesem Fall zu letzterer). Das heißt, dass neben Bäumen, Wiesen, Bächen und Hügeln eben auch Häuser, Anlagen, Straßen und Infrastruktur dazu zählen können. Landschaft ist auch ökonomisch.

Muss denn ein biologisches Moment dabei sein? Natur im Sinne von Biosphäre? Wenn ich mir Bilder von Curiosity ansehe, dann sind auch das vielfach Landschaftsaufnahmen. Auch wenn wir nach allem was wir wissen, wohl auf dem Mars kein biologisches Leben finden. Landschaft ist nicht notwendigerweise biologisch.

 

 

Was bedeutet hier nun ontologischer Sichtwechsel?

Ich meine damit, dass Landschaft nicht einfach so „ist“. Sondern, dass Landschaft etwas ist, was wir in unserem mentalen Weltbild zusammenbauen. Und, dass auch wir  Teil dieser Konstruktion sind. Subjekt und Objekt ineinander verschmelzen und eine klare Aufteilung: dort die Erhabene („the sublime“) und hier der Staunende („the subject“) oder der Genußträger nicht mehr ausreicht. Alleine das Moment, dass aus Landschaft Identität konstruiert wird, macht die Menschen zu Teilnehmenden. Sowohl als Anwohner, als auch als Besucher oder Fremde. Eine Separation in Subjekt und Objekt, in die reine Natur und die (zer)störende Kultur, in das Göttliche und Irdische hält nicht. Was Landschaft ist – ist eine Projektion. Eine Abbildung. Eine Mischung aus dem was wir wahrnehmen, meist visuell, aber auch über Gerüche, Temperatur, Tastempfindungen, Schmerzen, etc… und dem, was wir an Bedeutungen gesellschaftlich-kulturell dafür bereithalten.

 

Auf der einen Seite stehen da physische Objekte und Elemente. Sie sind vorhanden und befinden sich in einer räumlichen Anordnung zueinander. Sie haben Eigenschaften; räumliche, aber auch sinnliche, wie Farbe, Geruch, Temperatur, Geräusche, etc… Mit jenen Eigenschaften lassen sie sich wahrnehmen.

Auf der anderen Seite stehen die kulturell-gesellschaftlich-individuellen Merkmale, die wir zur Konstruktion von Verständnis und Bedeutung benötigen. Das sind all die Elemente, aus denen wir ableiten, dass wir es mit dem, was unser Wahrnehmungssystem signalisiert, mit einer Landschaft zu tun haben. Wissen, Kategorien, Normen…

Und zwischen drin stehen wir. Wir nehmen wahr und bilden auf das,was wir da wahrnehmen unsere gesellschaftlichen, auch individuell aktualisierten Kategorien ab. Konstruieren aus Kontext, Verfassung, Bildung und Sozialisation eine Bedeutung zu dem, was wir wahrnehmen. Wir filtern, wir setzen in Beziehung, wir ergänzen aus unserem Repertoire…

 

Je nachdem, was dieses Repertoire aus landschaftlichen Elementen vorsieht, können wir dann mit einer, wie auch immer gearteten Umgebung als Landschaft mit all ihren deskriptiven oder normativen Eigenschaften umgehen. Je ausgefeilter dieses Repertoire ist, desto mehr setzt es uns in die Lage ein umfassendes Verständnis von unterschiedlichen Landschaften zu gewinnen. Und für uns zu bewerten.

 

 

Ein Abenteuer

Genau dahinter verbirgt sich meine Faszination. Je mehr ich mich da reindenke, je mehr ich mich anderen Elementen, aber auch anderen Sichtweisen öffne, desto vielfältiger wird mein Modell im Kopf. Und je vielfältiger dieses wird, desto präziser wird auch mein fotografisches Vokabular um das zu beschreiben. Und das lässt mich dann Gedanken, Geschichten, Sichtweisen mit der Kamera formulieren.

 

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