Gedankenfluss und Lichteinfall

Gedankenfluss und Lichteinfall

Das Jahr neigt sich, und ich mich auch, irgendwie…

Zehn Tage nun schon Urlaub und erst langsam bekommt der mentale Panzer Risse. Das liegt auch am November und Dezember, die – durchaus erwartungstreu – mit ihrem Licht eher geizig umgehen. Aber vorgestern, da waren drei Sonnenstunden nicht nur angekündigt, nein, sie sind auch eingetreten. Dennoch: ich musste mich wirklich stark überwinden mit der Kamera rauszugehen. Hat sich aber gelohnt.


Doch zuerst der

Gedankenfluss

  1. Beruflich hab ich mich Mitte des Jahres in die Zwangsjacke eines Angestellten bewegt. Aus einer Mischung aus rationalen Überlegungen und emotionaler Ignoranz. Eine klassische Widder-Aktion… hat mich danach Monate gekostet diese kognitive Dissonanz aufzulösen. Und ich bin auch noch immer dabei. Es gelingt mir aber zunehmend das positiv zu sehen, selbst wenn die nächste Steuererklärung noch immer viel zu komplex sein wird.
     
  2. Gesundheitlich war’s ein eher unterdurchschnittliches Jahr. Ich hatte selten so viele Fieberschübe, wie im ersten Halbjahr. Und von den drei Krankenhausaufenthalten meines Lebens hab ich zwei dieses Jahr absolviert. Nach- und Nebenwirkungen sind noch nicht endgültig ausdiskutiert. Ebenso manche Einschränkungen, die sich so nebenbei noch ergeben haben. Vielleicht ist’s aber auch einfach der Fakt, dass ich nun tatsächlich im Herbst des Lebens angekommen bin. Gepaart mit einem so unsportlichen Leben… Irgendwie sowas wird’s wohl sein.
     
  3. Bildernerisch hab ich zwei Bücher gebaut. Randzone ist im Frühjahr fertig geworden, Terrain vague ist praktisch fertig, aber noch nicht gedruckt, ich habe jemanden mit der Bitte um einen begleitenden Essay angesprochen. Da warte ich noch auf eine Antwort.  Es würde mich ausgesprochen freuen, wenn das klappt.
     
  4. Ich habe mich lange schwer getan mit dem Landschaftsthema. Landschaftsfotografie, wie wir sie kennen ist nicht meins. Ansel Adams, Bruce Barnbaum und u.v.a. transportieren ein Landschaftsbild, das sich seit C.D. Friedrich kaum bewegt hat. Und das durch seine pseudo-religiöse Haltung so gar nicht meines ist. Landschaft ist eben etwas menschen-geprägtes, oder um noch deutlicher zu sein, Landschaft ist nur durch uns selbst. Durch Eingriffe in die physische Umgebung, aber auch vor allem auch als begriffliches Konstrukt.
     
  5. Meine Sicht auf Bilder ist unterdessen ausgesprochen konstruktivistisch geworden. Latent war’s das ja schon die ganze Zeit, nur durch die Beschäftigung mit Landschaften hat sich das in meinem Kopf deutlich weiter ausgeprägt. Es ist quasi in die bewusste Sphäre eingetreten. Ergebnis meiner Überlegungen: Bilder haben keine Bedeutung. Das bekommen sie durch den Kontext, den die Betrachter*innen ihnen spendieren. Das gilt vermutlich auch für Sprache. Das Schöne ist, der Fokus geht mehr darauf, dass Bilder berühren, also einen Kontext beim Betrachten auslösen in welchem sie dann Sinn und Bedeutung gewinnen.  Welcher das ist? Nicht so wichtig. Es entsteht eine Vielfalt an Bedeutungen, einfach nur durch das Bereitstellen von Bildern zum Betrachten.
     
  6. Die Kombination von Bildern mit anderen Medien, Texte oder auch Klänge ist auch dieses Jahr ein wichtiges Thema gewesen. Und auch dieses Jahr zu keinem befriedigenden Punkt gekommen. Das Vorhaben bei Terrain vague Gedankenfragmente verbal einfließen zu lassen ist praktisch beerdigt. Die Bilder bleiben, bis auf zwei kleine Aphorismen am Anfang und Ende sowie einem Artist Statement, unter sich. Ich muss das Thema Text und Bild nochmal anders angehen.
     
  7. Ebenso hat sich mein Denken über Einzelbilder verändert. Für mich ist die Fotografie etwas das sehr eng mit einem Bilderplural verknüpft ist. Um das ein wenig metaphorisch zu umschreiben: Ein Bild ist, wenn es gut ist, ein visuelles Statement. Syntaktisch ein Satz. Genauso, wie beim verbalen Satz, der erst im Konzert mit anderen Sätzen zu einer vollen Aussage aufblüht, ist das eben auch mit Fotografien so. Dem will ich im nächsten Jahr konsequenter nachgehen. Methodisch und formal. Meinen weiteren Weg zwischen narrativem, essayistischem oder konzeptionellen Plural finden. Auch die passende Präsentation dafür finden. Also: Buchform, Ausstellung, Projektion oder vielleicht eine vernetzte Web-basierte Form.
     
  8. In der Jahresklasse wird mein Statement: „Ich bin kein Künstler“ meist mit einem gewissen lächelnden Unverständnis aufgenommen. Tatsächlich weiß ich das gar nicht. Wenn ich aber einer bin, was sind dann meine Werke? Und da beginnt ein anderes Thema, das im nächsten Jahr gedanklich eingezäunt werden will. Was mache ich da eigentlich? Wir arbeiten alle an „Projekten“, zeigen unsere „Arbeiten“. Aber keiner spricht von Werken. Ist Kunst etwas, das auf Werke verzichten kann? Dann bin vielleicht auch ich einer. Und worauf baut dann der Kunstbegriff? Akademisch, ich weiß. Aber über sowas nachzudenken, macht mir Spaß. Und darauf kommt’s mir an.
     
  9. Konkrete Vorhaben für das nächste Jahr?
    Terrain vague als Buch fertigstellen. Weitere Präsentation (Slideshow, Auswahl und Hängung für Ausstellung, Web-Ausstellung, o.ä.) aus der Materialsammlung zu Terrain vague ableiten.
    Gruppenausstellung Ende Oktober. Vermutlich eine der gerade genannten weiteren Präsentationen aus der Materialsammlung. (Sind das dann eigene Arbeiten oder ist das nur eine Arbeit; oder im o.g. Werkbegriff: eigene Kunstwerke, eine in sich angeschlossene Werkgruppe mit mehreren Werken 😉).
     
  10. Projekte in der Pipeline?
    Fragmente, eine Art Magazin als Spielplatz und Übungsfeld für freie Bilderassoziationen, Assoziationen mit Texten, vielleicht auch Klängen. Mal schauen. Ich hab da „Der Greif“ als Vorbild im Kopf. Das steht auch für die nächsten Wochen auf Platz 1 meiner Aktivitäten. 
    Versuch einen Platz zu erfassen. Angelehnt an Georges Perecs literarische Übung das mal fotografisch angehen. Ursprünglich dachte ich, dass das ein Ausstellungsthema werden könnte, aber ich glaube ich brauche da mehr Zeit für. Auch um mich von anderen Projekten die sich daran anlehnen, abgrenzen zu können. Und die Zeit will ich mir geben.
     
  11. Und ansonsten?
    Chinesisch lernen.
    Sport machen.
    10 Wochen Urlaub.
     

Tja… passen die Fotos noch?
Keine Ahnung, aber ich zeig sie trotzdem.

Für alle, die das lesen: einen guten Rutsch und ein schönes Neues Jahr.

 

Lichteinfall

 

This Post Has 4 Comments

  1. Ein schönes berührendes persönliches offenes Jahresendessay – und überall fällt Licht ein.

    1. Danke schön, Martina. Ein sehr netter Kommentar.
      Ich wünsche Dir noch einen angenehmes Ende des alten Jahres und einen schönen Beginn des neuen.

  2. Lieber Jürgen,
    Ich hoffe, Deine Zwangsjacke bekommt 2018 ganz viele große Löcher und ich freue mich schon sehr auf Dein neues Buch. Schöne Bilder zum Abschluss – da passiert ganz viel bei mir im Kopf. Wasser, Bahn, Arbeit, Berlin im Wandel…

    Juten Rutsch und Jrüße aus Waidmannslust
    Jan

    1. Hey Jan,
      Danke schön. 🙂
      Ich wünsch Dir auch ein schönes Neues Jahr. Wir sehen uns dort.
      Bis denn
      Jürgen

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