Jahreswechselretrospektive

Jahreswechselretrospektive

Rückblicke gibt’s unterdessen viele, ich entschuldige mich schon jetzt für einen weiteren. Im Gegensatz zu den zahllosen in den Medien ist dieser jedoch sehr persönlich. Ich schaue auf Ereignisse hier, eigene Ergebnisse und spinne auch den einen oder anderen Gedanken wo’s weitergehen könnte. Der Weg geht dabei von außen nach innen und am Ende wieder hinaus in die ungewisse Zukunft. Viel Vergnügen.

Ausstellungen und Konzerte

Ich habe, wie ich das Jahr so Revue passieren lasse, ausgesprochen viele Ausstellungen angesehen. Obgleich im Sommer eher Flaute war, waren das in der Zusammenstellung doch viele. Hängengeblieben ist die tolle Retrospektive über Jeanne Mammen zu Anfang des Jahres. Natürlich Victor Vasarely am Ende. Highlights waren aber auch das FOAM (und dort die große Masahisa Fukase Ausstellung) und das Stedelijk Museum in Amsterdam (tolle Sammlung des 20. Jahrhunderts und eine spannende Ausstellung zu Günther Förg), die umfangreiche August Sander Sammlung in Köln, ebenso, wie die Retrospektive zu Eva Besnyö im Käthe Kollwitz Museum in Köln (noch bis zum 6. Januar zu sehen, wer kann, sie ist toll!). Besuche im K21 und im NRW-Forum in Düsseldorf, insbesondere jetzt zuletzt zur Fotografie ausgehend vom Bauhaus. Ja, auch die Novembergruppe in der Berlinischen Galerie darf hier nicht fehlen. Und … nicht zu vergessen: Nicholas Nixon im c/o Berlin. Natürlich noch sicher 1-2 Handvoll ungenannte und nicht notierte Galeriebesuche übers Jahr und die Republik verteilt. Doch es war dieses Jahr viel und es war trotz kreativer Flaute etwas, das hängenbleibt. Wahrscheinlich zu gegebener Zeit wieder hervortritt. Vielleicht ja zur nächsten Ausstellung in zwei Jahren. Wer weiß…

 

Auch musikalisch gab es Highlights. Zum einen natürlich E.L.O., aber auch King Crimson nicht zu vergessen. Beides Gruppen, die ich wohl zum letzten Mal gesehen habe. Schätze ich. Dafür aber umso beeindruckender, was die älteren Herrschaften da noch auf die Bühne bringen. Und … das war völlig unerwartet, als ich Bohemian Rhapsody angesehen habe, da begann der Film mit einer Live-Performance mit zwei Queen-Songs. Das Kino hat schon vor Filmbeginn getobt. War Klasse!

 

Freizeit und Beruf

Was tatsächlich bemerkenswert war: ich habe wirklich lange davon geträumt aber nie umgesetzt: eine längere Radtour. Und dieses Jahr hat sich die Gelegenheit ergeben. Ich war 6 Tage zusammen mit zwei Freunden von der Neißequelle in Tschechien bis nach Berlin unterwegs. Es war fantastisch. Und ich werde das auf jeden Fall wiederholen. Wenn es geht schon nächstes Jahr. Und was auch bemerkenswert war: ich habe dieses Jahr sehr viel in die Akquise eines großen Auftrags investiert. Zeit, Kraft, meine ganze Energie. Fazit nach diesem Invest: ich bin erschöpft und ernüchtert. Auch das bleibt zu diesem Jahr hängen.

 

Von Wolken, über Abstraktem und Fühlbarem…

Fotografisch bleibt das Jahr irgendwie als Durchhänger hängen. Terrain vague war Anfang des Jahres fertig geworden – und mir mit jedem Tag fremder. Einerseits, weil mir die fotografische Sprache vielleicht einfach über war, das zeigende, das dokumentarische, andererseits, weil nach den ganzen Anstrengungen ein tiefes kreatives Loch auf mich wartete. Wie tief, das habe ich Anfang des Jahres noch nicht geahnt. Immerhin so tief, dass ich in den letzten Wochen erst wieder langsam Ideen sammle, wie es denn weitergehen könnte.

Wenn es aber überhaupt ein fotografisches Thema dieses Jahr gab, dann die Wolken. Für eine eigene Arbeit ist es zu eng, die Beschäftigung mit ihnen war trotzdem toll. Vielleicht geht das Wolkenthema ja in einer meiner nächsten Arbeiten auf. Das könnte schon passieren. Aber so alleine fehlt halt was. Nichtsdestotrotz schöne Bilder an sich.

 

(Eine kleine Randbemerkung nebenbei: im Nachhinein kam mir das Jahr durch und durch sonnig und wolkenlos vor. Trotzdem sind die meisten Wolkenbilder dieses Jahr entstanden. Hat mich gerade beim Zusammenstellen ein wenig überrascht. )

Was mich an Wolken, aber auch anderen, eher abstrakten Motiven dieses Jahr besonders beschäftigt hat, war das Moment, etwas zu fotografieren, das über das Bild rausgeht. Das nicht mit dem dokumentarischen Zeigefinger irgendwo hinweist und sagt: kuck mal da… sondern, das einfach etwas vermittelt, das gar nicht im Bild drin ist, sondern erst beim Betrachten entsteht. Eine Assoziation, ein Gefühl, eine Erinnerung. Einfach etwas, das einen eigenen individuellen Kontext beim Betrachten entstehen lässt.

 

Auf der Flucht vor dem Dokumentarischen sind dann auch Bilder entstanden, die mehr Nähe, mehr Fühlbares tragen. Manchmal über die dargestellte Materialität, manchmal über Form aber manchmal auch über Fantasie.

 

… hin zum Narrativ

Und wo geht das nun weiter? Die Frage ist naturgemäß schwierig; wer kann schon in die Zukunft blicken… Es existieren jedoch ein paar Ideen, die zu einem neuen Projekt führen könnten. Ich liste das mal stichpunktartig und unsortiert auf:

  • weg vom Einzelbild: das ist nun nicht neu, aber ich will die Ideen zum Bilderplural, die ich vor einem Jahr entwickelt hatte, wieder aufgreifen und bewusster einsetzen.
  • weg von der linearen Sequenz: meine bevorzugten Präsentationsformen sind bislang die Diashow und das Buch gewesen. Beides Formen, die eine lineare Lesart erfordern, fast erzwingen. Das Assoziativpotenzial von Bildern ist aber eher vernetzt als linear verkettet. Welche Präsenationsform dafür geeignet ist, das weiß ich noch nicht. Möglicherweise ergibt sich auch eine Art Mixed-Presentation-Setup: Flachware, Bildschirm, Skulptur… Ich schreibe es trotzdem hier auf, weil in der formalen Anlage schon auch der Gedanke einer möglichen Präsentation wurzeln sollte.
  • hinzu assoziativer Bildwirkung: will sagen, die Bilder sollen einen kognitiven oder emotionalen Kontext im Betrachter auslösen.
  • hinzu narrativen Momenten: aus den Bilderkomplexen (eben mehr als eine Sequenz) können sich Abläufe ergeben. Abläufe, die aus den Veränderungen der assoziativ erzeugten Kontexten beim Betrachten erwachsen. Es geht nicht darum eine in sich stimmige Geschichte zu erzählen, sondern ein Werk zu schaffen, in dem sich unterschiedliche Geschichten in den Köpfen der Betrachter entwickeln können. Dabei soll das Werk trotzdem in sich stimmig bleiben und nicht auseinanderfallen. In diesem Spannungsfeld liegt die eigentliche Arbeit.

 

Schluss und Beginn

2018 – ein kreativer Tiefpunkt, ein Wirken im Ungleichgewicht. Doch, das ist schon so. Und da will ich raus. Ein wichtige Erfahrung war, dass ich meine Energie wieder auf das richten muss, was wirklich von Relevanz ist. Die Kraft, die Energie und vor allem die Zeit, die ich in Dinge investiert habe, die mich nicht nähren, bekomme ich nicht wieder. Ich gestehe, das ist etwas, das ich mit 55 auch anders bewerte, als mit 25. Diesen Punkt, – den persönlichen Nährwert – als Kriterium für das eigene Handeln heranzuziehen, ist in den letzten 12 Monaten definitiv zu kurz gekommen. Er ist nun wieder da. Und er wird zum engen Begleiter für das kommende Jahr. Ganz im Geiste von „Respect Yourself“.

 

Auf ein erquickliches 2019. 

 


This Post Has 3 Comments

  1. Na, dann schaun wir mal wohin die Reise geht.

    Wenn ich das von meiner Seite aus betrachte, dann muss ich in einem ordentlichen Krea-Tief sein, denn so richtig zündet bei mir gar nix. Du bist da selbst im Tief weiter, aktiver. Ein kleines Album „Es geht auch schief“ habe ich zustande gebracht, aber das sind eher Tests gewesen, Hinfühlen zu anderen Kompositionsmöglichkeiten.

    Ich lass mich auch 2019 gerne von dir überraschen.
    LG
    Richard

    1. Hallo Richard, das ist ja nett 🙂 Schönes Neues.

      Ich find das gar nicht schlecht. Wobei mir der Blick von unten nach oben, das Rolltreppenmotiv, am besten gefällt. Vielleicht ist das aber auch ein Widererkennen von Rodchenko und diversen Bauhäuslern. Und natürlich Eva Besnyös Berliner Jahren nicht zu vergessen ;-). Es hat nicht nur den Effekt einer Intervention, eines Rausschubsens aus dem gewohnten Sehen, es hat auch mit dem Motiv zu tun.

      Ich experimentiere auch immer mal wieder so. Zuletzt bei den Menschen im Museum, die ich neulich gezeigt habe. Nein, nicht nur Tests, mir gefällts. Und ich denke, der Winter geht auch vorüber, mit der Frühlingssonne taut auch die Kreativstarre wieder auf. Bestimmt. 🙂

      Schöne Zeit wünsch ich Dir. Ich hoffe ihr leidet nicht unter dem Schneechaos. Bei uns ist keine einzige Flocke zu sehen… (schade eigentlich).
      LG Jürgen

      1. Schönes Neues ^^ (Der Kalenderwechsel war – wie immer – recht unspektakulär.)

        Freut mich. Na, ja, dieses Jahr hab ich wieder Überstunden, und das kostet einfach Kraft. Ich komm derzeit nicht mal richtig raus, hin und wieder eine Landpartie, das war’s. Egal.

        Schnee hatten wir in Wien, aber kaum schönen. Aktuell ist alles abgetaut. Wind könnte ich anbieten, viel zu viel.

        Indoors hab ich eine schöne Sache am Laufen: Ich beobachte, wie sich meine Orchideen entfalten, gerade ist mein Monster (sie ist Tisch füllend) dabei, weiße Blüten zu öffnen. Faszinierende Sache.

        Schönen Abend und LG aus Wien

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