Klangraum – Raumklang

Klangraum – Raumklang

„Ich weiß nicht, was ich gesagt habe, bevor ich nicht die Antwort des anderen darauf gehört habe.“

Norbert Wiener

 

Wer kennt die Wirkung eines schallisolierten und -geschützen Raumes? Ich meine keinen Raum, der nur den Schall von außen abhält, ich meinen den, der auch im Inneren mit geschäumter Isolierung ausgestattet ist und der jeden Klang, jedes Geräusch in sich aufnimmt, schluckt und davon rein gar nichts zurückgibt. Geräusche, Klänge, auch Gesagtes erhält in einem solchen Raum eine sehr sinnliche, und gleichermaßen irritierende Wahrnehmung der Lebensdauer des Geäußerten. Es verschwindet einfach mit Schallgeschwindigkeit. Wir hören uns zwar noch selbst, – hier auch sehr viel stärker über Körperschall, als über die Luft, – sind aber der akustischen Fähigkeit uns in Beziehung zu unserer Umgebung zu setzen beraubt. 

Mit dem Schwinden der Resonanz schwindet physische Raum, das Andere, das Nicht-Ich, es schwindet aber offenbar auch der Raum für soziale Einordnung. Es entsteht, angesichts der  fehlenden Antwort der Umgebung, damit ein Defizit im Selbstverstehen, vielleicht auch im Selbstverständnis. Ohne Antwort des Nicht-Ich fehlt uns die Erkenntnis über die tatsächliche oder auch die potenzielle Wirkung, kurz: über Bedeutung von Gesagtem. Unser Selbst- und unser Weltverständnis wird empfindlich gestört, wird aus dem Gleichgewicht gebracht. 

Ich bin nun schon eine ganze Weile unterwegs auf der Suche nach einer Plattform, auf der ich mich über gemeinsame und divergierende Interessen, Gedanken, aber auch über Strandgut im Netz mit anderen austauschen kann. Ich schaue hier, ich lese da, ich versuche mich dort einzumischen. Tatsächlich ist dieses Unterfangen von unterschiedlichem Erfolg beschieden. Wobei Erfolg hier nicht im wörtlichen Sinne zu verstehen ist. Vielleicht ist auch gemischte Erfahrungen hier die bessere Umschreibung. 

An einigen Stellen im Netz findet tatsächlich ein Austausch statt. Austausch über Gedanken, ein inhaltliches Miteinander. Eine Neugier und eine Offenheit. Tatsächlich ist es ein Moment in dem im Miteinander mehr passiert, als ein Reiz-Reaktions-induzierter Klick im Strom der Bilder (und seltener Texte). Ein Moment, der natürlich Zeit und auch Aufwand bedeutet. Und für mich mit einer großen Wertschätzung verbunden ist.

An anderen Stellen ist es einfach ein Hochladen von Bildern, die dann durch den Strom der Beiträge bei anderen fließen. Das macht sich in einer mehr oder weniger großen – aber vor allem in einer messbaren – Zahl von digitalen Wertschätzungsbekundungen (aka „Likes/Loves/Plusses/…“) bemerkbar. Was sich nicht bemerkbar macht, ist, ob der Inhalt der Beiträge Gegenstand der Wertschätzung ist, oder ob es nur die Wahrnehmung der Präsenz des Anderen ist.  

Und an wieder anderen Punkten im Netz stellt sich ein Gefühl ein, das mich immer wieder in die oben beschriebenen schallisolierten Räumen transportiert. Ich schreibe, ich lade Bilder oder Links hoch … und es verschwindet mit Schallgeschwindigkeit, wohl aber mit der Geschwindigkeit des Stroms digitaler Beiträge. Es ist ein Raum ohne Echo, einer ohne Resonanz. Einer, der in mir Irritation hinterlässt. Irritation über die virtuelle Welt, von der ich doch weiß, dass sie da ist. Die sich mir aber nur so zeigt, als wäre ich nicht da. Und es ist die Irritation über das Gezeigte, das Geschriebene, die Form des eigenen Ausdrucks. Das sich ohne Feedback nicht einordnen kann, dem ein Standort im virtuellen Raum, auch im Raum der Ideen schlicht verweigert wird.

Gestern bin ich erneut auf diesen Punkt gestoßen. Im Nachdenken darüber fielen mir dann zwei Dinge auf:

  • Welche Kompromisse gehe ich in meinem Onlineverhalten ein?
  • Welches sind denn überhaupt meine Erwartungen? Oder gar meine Strategie?

Die Punkte hängen natürlich miteinander zusammen. Ohne eine klare Sicht auf die Erwartungen an Plattformen lässt sich nur schwer abgrenzen, welche Kompromisse akzeptabel sind und welche nicht. Mir fiel dabei aber vor allem auf, dass ich keine ausreichend präzise Sicht auf die Erwartungen an eine Plattform habe. Ich habe ein diffuses Bedürfnis als Person und auch als intelligenter Zeitgenosse wahrgenommen zu werden. Ich habe ein diffuses Bedürfnis danach, dass meine Beiträge wertgeschätzt werden. Und komme mit engen und schalldichten Räumen nicht besonders gut klar. Daher hier mal der Versuch – stichwortartig – meine Gedanken zur Präsenz im Netz zu formulieren. Vielleicht entwickelt sich ja ein wenig Klarheit:

Zuerst die positiven Formulierungen:

  • Ich bin ich. Ich maskiere mich nicht. Ich gebe mir keine(n) Netz-Alias(e). Ja, ich nehme das Risiko von Netzstalking in Kauf. Und habe tatsächlich damit auch immer wieder zu kämpfen. Dennoch: ich bin ich und niemand anderes.
  • Ich zeige eigene (fotografische) Arbeiten. Vieles davon unfertig. Manches im Status „work-in-progress“, manches in der Suche nach einem Thema. Aber auch manches, das nicht bleiben muss.
  • Ich denke viel über Fotografie nach. Und schätze einen Austausch zu solchen Themen ausgesprochen hoch. 
  • Ich mag es am Strand des Internet spazieren zu gehen und mir das angespülte Strandgut anzusehen. Ich mag es auch darüber zu erzählen, was ich gefunden habe. Und vielleicht jemanden dazu anzuregen sich darüber auszutauschen. 
  • Ich schätze es ein Bild von der virtuellen Umgebung zu haben. Ich interessiere mich dafür, wer mir in den Netzen begegnet. Vor Jahren ging es noch darum möglichst hohe Quoten zu erarbeiten. Anzahl von Likes und Followern, Anzahl der Beiträge, die weiterverteilt wurden. Das hat sich in den letzten Jahren komplett verändert. Ich schätze es heute sehr, wenn ich diejenigen kenne, oder kennenlernen kann, die mir begegnen. 

Und nun die negativen:

  • Die großen Plattformen bieten ein Umfeld, das eng ist und enger wird. Vielfalt und Buntheit wird nicht gefördert, der Mainstream, der Hauptstrom verteilt ein Bild von „richtiger Fotografie“, verstärkt, was viele gut finden, sondert aus, was nur wenige schätzen. Bilder in den großen Netzen haben eine frappierende Einheitlichkeit. Das betrifft auch moralische Kategorien: Triggerwarnungen erzeugen bei mir das Gefühl, wie ein Kind behandelt zu werden.
  • Plattformen sind als Ströme aufgebaut. Ströme in denen Beiträge, nachdem sie einen Ersteller, einen Sender verlassen haben, in der Geschwindigkeit des jeweiligen Stroms durch den virtuellen Raum bewegt werden. Finden sie in dieser Zeit keine Reflektionspunkte, sterben sie einen schnellen digitalen Tod. Was den meisten Plattformen fehlt ist ein Bereich, der nicht verschwindet. Der die Möglichkeit bietet eine digitale Repräsentation von Gedanken aufzubauen, die bleiben können.  

Tja, ist das vollständig? Oder wenigstens umfassend? Vermutlich beides nicht. Aber mal ein Anfang aufzuschreiben, woraus sich eine Online-Strategie oder wenigstens ein bewusst zu gestaltende Online-Präsenz entwickelt werden kann. Aber hier will ich es mal bewenden lassen. 1000 Wörter sind auch genug für einen Blogbeitrag. 

 

This Post Has 2 Comments

  1. Tolle Metapher. Die muss ich mal wirken lassen … das erzeugt eine klare Resonanz bei mir.

    Die Konsequenz davon ist mir aber nicht so klar wie mittlerweile dir. Zumindest ist mir mein Portfolio bei Flickr wichtiger als die bisherige Bildmasse.

    Danke für das Sprachbild, es gibt meinem diffusen Gefühl eine recht klare Form. Und ich lasse sie jetzt wirken.

    LG
    Richard

    1. Sie dreht sich schon länger in meinem Kopf. Ich meine, der Begriff Resonanz ist ohnehin einer, der als Metapher für kommunizierende Systeme gut taugt. Vor einem Jahr etwa, oder vielleicht ein wenig weniger, da habe ich Hartmut Rosas „Resonanz“ gelesen. In meinen sehr verkürzten Worten, eine Soziologie der Entfremdung.

      Das hat sich in meine Wahrnehmungsfilter eingeschlichen. Und so spüre ich mehr oder weniger bewusst dem Moment des „wo schwingt es“ oder auch des „wo schwingt es kommunizierend“ nach. Hier drängt es sich mittlerweile sehr spürbar ins Bewusstsein.

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