Wo Text und Bild einander berühren

Wo Text und Bild einander berühren

Mich beschäftigt immer wieder die Frage, wie ich unterschiedliche Ausdrucksformen zusammen bekommen kann. Also, wie funktioniert Fotografie mit Text oder wie funktioniert sie mit Musik oder Klängen. Je länger ich mich damit aber rumschlage, desto schwieriger empfinde ich es Berührungspunkte oder Anschlusspunkte zwischen den beiden zu finden, die funktionieren.

Alleine die Frage, was „funktionieren“ denn sein könnte kann ich nicht wirklich fassen. Häufig ist es eben so, dass die Texte entweder zur Erläuterung oder die Bilder zu Illustration verkümmern. Beides führt zu einem Ungleichgewicht. Und es führt dazu, dass es eben meist nicht „funktioniert“. Gelingende Berührung aber bedeutet, dass Text (oder Musik) in ihrer eigenen Qualität neben den Bildern bestehen und aus dem Miteinander (oder auch Gegeneinander) ein Ausdruck entsteht, der aus Text oder Bild alleine nicht entstanden wäre.

Wo dies aber gelingt, fühle ich mich immer wieder fasziniert. Sophie Calle hatte anlässlich ihrer Nominierung zum Deutsche Börse Photography Prize 2017 im MMK3 in Frankfurt die Arbeit „My Mother, my cat, my father, in that order“ ausgestellt, in der sie Tagebuchaufzeichnungen und Notizen mit Bildern gepaart hat. Hat toll funktioniert … und aus meiner Sicht hätte sie den Preis gewinnen können (Awoiska van der Molen und Dana Lixenberg waren noch nominiert und van der Molens Fotografien sind auch toll! Lixenberg hat aber den Preis gewonnen, damals). Und hier in meinem näheren Umfeld finde ich die Kombinationen von Zitaten mit Bildern, die Martina in ihrem Blog führt, ebenfalls faszinierend. Ausschnitte aus Erzählungen, die mit den Bildern einen eigenen Assoziationsraum aufmachen. Ohne, dass die Bilder auf der einen Seite oder die Zitate auf der anderen durch die Kombination geschwächt würden.


Vor einigen Wochen erschien „were it not for“ von Michael Ashkin, das seither von einem Fotobuchblog nach dem anderen besprochen und gelobt wird.

„were it not for“ beginnt mit einem Text, bestehend aus 670 Variationen von „were it not for…“. Ashkin hat diesen Text, wie er selbst erzählt, in einer Nacht verfasst. 218 Variationen fungieren dann als Untertitel von Fotografien. Es handelt sich um Schwarz-Weiß-Fotografien aus Californien aus den Jahren 2010 – 2018. Sie zeigen eine Welt, die verwahrlost erscheint. In der Entfremdung fühlbar wird. Manche der Rezensenten sprechen von Bilder der „Trump-Ära“. Ob das so ist, weiß ich nicht. Ich sehe darin vor allem ein Moment der Vernachlässigung der Menschen, die dort leben. Von Egal oder Ignoranz der eigenen Umgebung gegenüber. Übertragen könnte das Umwelt und Klima sein, oder auch eine gesellschaftlich-politische Umgebung. Gepflegt und mit Aufmerksamkeit bedacht.

Das besondere Moment als Künstlerbuch entsteht aber hier in der Kombination mit den Untertiteln. Gemeinsam mit ihnen verstärken sich dystopische Eindrücke, werden Assoziationen neu geordnet, Framings gesetzt. Bei einigen Bilder entsteht eine neue Richtung, bei anderen einfach Ergänzungen oder Erweiterungen des Kontextes. Es ist ein fast spürbarer Prozess der Bedeutungsgenese, der abläuft wenn man erst das eine (Bild) und dann das andere (Text) wahrnimmt.


were it not for von Michael Ashkin ist kein einfaches Buch. Keines, das mit Fine Art daherkommt, keines, das sich in einem Rutsch durchblättern lässt. Es ist aber ein tolles Buch. Und es ist eine gelungene Berührung von Bild und Text.

were it not for ist eine Bereicherung für mein Regal. Ich kann es nur empfehlen.

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