Wofür

Wofür

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Gaus: Ihre Arbeit – wir werden auf Einzelheiten sicherlich noch kommen – ist in wichtigen Teilen auf die Erkenntnis der Bedingungen gerichtet, unter denen politisches Handeln und Verhalten zustande kommen. Wollen Sie mit diesen Arbeiten eine Wirkung auch in der Breite erzielen, oder glauben Sie, daß eine solche Wirkung in der heutigen Zeit gar nicht mehr möglich ist – oder ist Ihnen ein solcher Breiteneffekt nebensächlich?

Arendt: Wissen Sie, das ist wieder so eine Sache. Wenn ich ganz ehrlich sprechen soll, dann muß ich sagen: Wenn ich arbeite, bin ich an Wirkung nicht interessiert.

Gaus: Und wenn die Arbeit fertig ist?

Arendt: Ja, dann bin ich damit fertig. Wissen Sie, wesentlich ist für mich: Ich muß verstehen. Zu diesem Verstehen gehört bei mir auch das Schreiben. Das Schreiben ist Teil in dem Verstehensprozeß.

Gaus: Wenn Sie schreiben, so dient es Ihrem eigenen, weiteren Erkennen?

Arendt: Ja, weil jetzt bestimmte Dinge festgelegt sind. Nehmen wir an, man hätte ein sehr gutes Gedächtnis, so daß man wirklich alles behält, was man denkt: Ich zweifle sehr daran, da ich meine Faulheit kenne, daß ich irgend etwas notiert hätte. Worauf es mir ankommt, ist der Denkprozeß selber. Wenn ich das habe, bin ich persönlich ganz zufrieden. Wenn es mir dann gelingt, es im Schreiben adäquat auszudrücken, bin ich auch wieder zufrieden. – Jetzt fragen Sie nach der Wirkung. Es ist das – wenn ich ironisch werden darf – eine männliche Frage. Männer wollen immer furchtbar gern wirken; aber ich sehe das gewissermaßen von außen. Ich selber wirken? Nein, ich will verstehen. Und wenn andere Menschen verstehen, im selben Sinne, wie ich verstanden habe – dann gibt mir das eine Befriedigung, wie ein Heimatgefühl.

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aus: zur Person, Günter Gaus im Gespräch mit Hannah Arendt vom 28.10.1964

Eine der zu mir immer wiederkehrenden Fragen dreht sich um das „Wofür“. In den letzten Monaten verstärkt beruflich. Wofür mache ich das? Und welchen Preis zahle ich dafür. Meine gesundheitliche Verfassung spielt als Auslöser solcher Fragen sicher eine wesentliche Rolle. Heute nacht habe ich das Gespräch, das Günter Gaus mit Hannah Arendt geführt hat, angehört und ich bin über die oben zitierte Passage gestolpert. Hannah Arend spricht mir hier aus dem Herzen. In zweierlei Punkten, die aber sehr viel miteinander zu tun haben. 

Erstens sagt sie sinngemäß: sie notiert sich keine Gedanken. Das mache ich auch nicht. Obwohl… hier zu schreiben ist schon auch eine Notiz. Vielleicht ist das aber eher ein Pendant zu ihrem Schreiben. Doch zurück zum Beruflichen. Also ich bin wirklich völlig fehl am Platz, wenn es darum geht zu dokumentieren. Project records anzulegen. Protokolle zu schreiben. Das passt nicht zu meiner Art zu arbeiten. Die ist eher so angelegt, dass ich eine mentale Welt baue. Aus Gesprächen, aus Gelesenem, aus Imaginiertem.

Und zweitens sagt Arendt, es ginge ihr gar nicht primär um Wirkung. Es geht ihr um eigenes Verstehen. Und wenn dieses eigene Verstehen zum Verstehen bei Anderen führe, dann wäre die Wirkung doch eine schöne Beigabe. Und hier sind wir beim Wofür angelangt. Wofür das Ganze? Für mich. Wenn die Welt, also die o.g. mentale Welt, Gestalt annimmt, dann beginnt das Verstehen. Und mit jeder wesentliche Ausprägung und mit allen hinzugefügten Details vertieft sich dieses mehr und mehr. Und das, genau das ist meine primäre Motivation.  

Beruflich trifft sich das nun in Projekten. In Aufgabenstellungen, die etwas mit Kundenaufträgen zu tun haben. Die Welt, die in meinem Kopf entsteht, ist ein Modell einer solchen Aufgabe. Mit meinem Ausgestalten dieser Welt beginnt das Verstehen der Kundenaufgabe. Mehr noch: das Verstehen der Kundensituation. Die Wirkung, die das nun auslöst ist, dass sich Kunden recht leicht in meinem mentalen Modell zurechtfinden können. Und das schafft … Empathie, gegenseitiges Verstehen und Vertrauen. Das ist meine Methode. Grenzen dieser Methode? Sie verträgt sich nicht gut mit Verträgen (pun intended). Die Wirkungsweise von Verträgen basiert auf … geschriebenen Worten. Nicht auf Verstehen.

Nun kommt es aber gar nicht nur darauf an, dass ich immer ein ureigenes Wofür realisieren kann. Ich bin schließlich nicht isoliert auf einer grünen Wiese, sondern Mitarbeiter eines Dienstleisters. Zugegeben, es ist für mich schon recht wichtig, aber eben nicht nur. Vielmehr ist es wichtig, dass Voraussetzungen so gegeben sind, dass mein Wofür überhaupt zur oben genannten Wirkung, also gegenseitigem Vertrauen, führen kann. Anders gesagt, der Dienstleister für den ich arbeite, profitiert von der Wirkung (Vertrauen), die ich mit meinem Primärmotiv (Verstehen) erzeuge. Wenn er nun von sich aus für passende Voraussetzungen sorgt, dann ist das ein recht gutes ausgeglichenes Miteinander. 

Dennoch sind solche Voraussetzungen nicht immer leicht herzustellen. Umstände machen es schwierig, auch sind die Voraussetzungen von Projekt zu Projekt, von Situation zu Situation durchaus unterschiedlich. Erschwerend: sie müssen auch kontinuierlich gepflegt und gehegt werden. Sollten sie mal kippen, dann gehört das persönliche Gespräch in Präsenz zu meinen eigenen wichtigsten Werkzeugen und Schiefstände wieder auszugleichen. Das lässt sich aber nicht immer (und vor allem derzeit nicht) realisieren. Die Folge: mit fehlender Präsenz zur Herstellung von Balance ist mein Wofür ist nicht realisierbar. Bleibt also eine nicht einlösbare Grundmotivation – oder der Dienstleister engagiert sich die Voraussetzungen wieder herzustellen. Und letzteres darf ich gerade erleben. Ein zartes Pflänzchen. Ich hoffe es geht nicht gleich wieder ein. Dienstleister sind für Dienstleistungsmitarbeiter nicht immer berechenbare Organe. Aber gut, aktuell scheint sich was so zu bewegen. Gleichgewicht erschient am Horizont. Und das gibt mal wieder Perspektive für das eigene Wofür. Und – nicht zuletzt – auch Perspektive für den Dienstleister. 

This Post Has 2 Comments

  1. Hi Jürgen,

    interessante Gedanken! Ich selber komme ebenfalls aus der Naturwissenschaft (Biologie), und arbeite seit vielen Jahren als Softwareentwickler, und als technischer Projektleiter eines Teams. Ganz klar, auch mich reizt an diesem Beruf, daß er voraussetzt, ein Problem möglichst vollständig zu verstehen, um dann anschließend ein System zu bereiten, um es zu lösen. Allerdings geht es hier um ein zweckgerichtetes Verstehen, das auf das „Wirken“ hinführt (um im Bild von Frau Arendt zu bleiben). Im Gegensatz dazu geht es in der Wissenschaft und auch in der Kunst um ein Verstehen um des Verstehens an sich; das einzige Ziel ist die Versicherung, daß die Lebewelt und das Universum eben kein sinn- und regelloses Chaos ist, sondern ein ordnendes Prinzip aufscheinen läßt (in der Kunst wäre das die Schönheit). Das „Wirken“ ist hier die Geburtshelferin der Verstehens. Da Frau Arendt ebenfalls auch Wissenschaftlerin war, nehme ich an, daß sie letzteres Verstehen gemeint hat!

    Viele Grüße,
    Thomas

    PS: Es gibt auch „Wirken“ ohne Verstehen – das nennt man dann „Corona-Maßnahmen“!

    1. Guten Morgen, Thomas,

      in Kommunikationsseminaren gehört es zum grundlegenden Kanon über „aktives Zuhören“ und „Spiegeln“ zu sprechen. Ich habe – insbesondere bei Kolleg*innen mit Kundenkontakt – es mannigfach erlebt, dass hier sehr bewusst Begriffe und Formeln des Gegenüber aufgegriffen werden und in die je eigene Rede eingearbeitet werden – oft ohne sie bewusst zu kontextualisieren. Oft funktioniert das (im Sinne der Wirkung), manchmal klingt es aber einfach nur falsch. In jedem Fall fehlt mir etwas: der Inhalt. (Geht mir übrigens auch ganz oft mit Fotografie so.) Mein Spaß ist tatsächlich die Konstruktion einer modellhaften Welt im Kopf. Dann fällt es mir auch nicht schwer z.B. darüber aus dem Stegreif zu referieren.

      Was mir bei der obigen Passage durch den Kopf ging ist die Frage in welche Motivationsklasse denn mein Antrieb gehört? Ist das „Machtorientierung“? „Leistungsorientierung“? „Orientierung an sozialen Beziehungen“? Irgendwie passte das nicht. Vielleicht gibt’s noch soetwas wie „Inhaltsorientierung“. Kann auch sein, dass es das als Motivationsklasse tatsächlich gibt. Ich kenne es eben nicht. In jedem Falle ist es nicht auf den ersten Blick effizient und wirtschaftlich. Auf den zweiten aber vielleicht doch… gerne will ich aber die noch verbleibenden Berufsjahre im Bewusstsein dieser Motivationsbasis wirken. Ich glaube (weiterhin), dass das funktionieren kann.

      P.S.: zum „Wirken“ bei Corona: wenn das „Wirken“ Wirkung zeigt, dann ist auch für mich das Verstehen eher eine Nebensache 😉

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